Im Osten war alles besser

Das Paul-Gerhardt-Haus hat eine eigene Heimzeitung. Die erscheint alle drei Monate mit einer Auflage von 350 Stück und soll hauptsächlich den Heimbewohnern die Langeweile nehmen. Allerdings sorgen die Mitarbeiter des Hauses, die an der Zeitung arbeiten, mit ihrem fehlenden journalistischen Geschick dafür, dass die Zeitung eher für Langweile sorgt. Dennoch gibt es natürlich den ein oder anderen Artikel, der quasi als Sternchen hinaussticht. In der Ausgabe Nr. 60 (Winter 10/11) ist dies der Artikel “20 Jahre Wende und was war vorher? -Teil1″ (Originalschreibweise, Anm.d.Red.), der – wie schon geschrieben – eine Artikelserie von Andrè Mattheuer einleitet. Die einzigartige Kombination aus seltsamen Inhalten gemischt mit seltsamer Ausdrucksweise sorgt für ein einzigartiges Gesamtbild. Aber lesen Sie selbst…


Gesamten Artikeltext einblenden

Ich war gerade mal 24, als die Mauer fiel. Ich hatte bis dahin eigentlich eine sehr unbeschwerte, wirklich schöne Kindheit und Jugend. Und ich behaupte für mich, dass in der DDR nicht alles schlecht war. Und das war es mit Sicherheit wirklich nicht, auch wenn jahrelang alles schlecht geredet wurde.

Hier kommt schon eine leise Vorahnung auf.

ABER: wenn alles schlecht und falsch gewesen wäre, warum erlebt Deutschland gerade jetzt (20 Jahre danach) eine wahre (N)Ostalgiewelle?

Hab ich was verpasst, wo haben wir eine erst jetzt Nostalgiewelle bzgl. der DDR?

Warum werden dann gewisse Sachen in den alten Bundesländern jetzt eingeführt oder übernommen (z.B. Stichwort Ganztagesschule)? Warum werden dann plötzlich Lebensmittel von damals wieder hergestellt (Rotkäppchen-Sekt oder Spreewaldgurken kennt wohl jeder…)? Aber zurück zum Thema.

Wahnsinn! Ich hatte nicht gewusst, dass es den guten alten Rotkäppchen-Sekt wieder auf dem Markt gibt. Die ganzen vergangenen 20 Jahre war er wie verschollen und jetzt ist er endlich wieder zurück. Und dass im Spreewald wieder Gurken wachsen ist ja auch beeindruckend. Muss wohl mit der globalen Erwärmung zusammenhängen.

Ich kann mich bis zu meinem 2.Lebensjahr an viele Sachen zurück erinnern und zu dem Zeitpunkt war ja wirklich noch tiefste DDR-Zeit.
Mit 2 Jahren wurden die Kinder in den Kindergarten geschickt, davor gab es die Kinderkrippe. Die ersten Wochen war ich in einer Wochenkrippe, d.h. montags hin und freitags zurück.

Die Wochenkrippe erklärt wohl die meisten seiner geistigen Ergüsse.

Das fand ich wahrscheinlich weniger schön, aber meine Mutter musste zeitig wieder arbeiten und Geld verdienen (die Frauen gingen in der Regel nach 6 Monaten wieder arbeiten – übrigens waren in der DDR mindestens 90% aller Frauen berufstätig). Leider ging das nur für kurze Zeit gut, denn ich konnte auf Grund ständiger Erkrankung nicht lange die Wochenkrippe besuchen. Zum Glück wurde ich dann immer von meiner Omi abgeholt und das war super, denn es gab fast keinen Wunsch, den mir meine liebe Oma abschlagen konnte. Die Kinder waren so von Kindsbeinen an soziale Kontakt gewöhnt, die Eltern konnten arbeiten gehen und wussten ihre Kinder gut versorgt.
Ab einem gewissen Alter bekam ich einen Schlüssel um den Hals und durfte vom Kindergarten allein nach Hause gehen. Das “Schlüsselkind” war damals eine Selbstverständlichkeit und Selbstständigkeit war normal. Was ich eigentlich damit sagen will: jedes Kind hatte einen Krippen-/Kindergartenplatz, was ja heutzutage leider keine Normalität mehr ist…

Selbstständigkeit wäre heute noch genauso normal und ist sicher keine Erfindung der DDR. Es sind nur die paranoiden Eltern, die heutzutage durch jegliche Institutionen, egal ob staatlich oder privat, Angst eingeflößt bekommen.

Zu Weihnachten war man ganz gespannt, was die Eltern wohl “ergattert” hatten – heute weiß jedes Kind bereits Monate vorher, was es sein wird, weil einfach das Angebot an Spielsachen usw. immens ist. Das hat vielleicht nicht unbedingt etwas mit der DDR zu tun, aber ich kenne es ja nur daher. Ihr dürft mich gern eines Besseren belehren, wenn es im “westlichen Teil” genauso war.

Der erste Satz ist ein Beispiel für die Glanzleistungen in Sachen Ausdrucksweise. Die Begründung zeigt das Gegenteil, durch ein größeres Angebot an Spielsachen ist es noch wahrscheinlicher, dass man nicht weiß, was man zu Weihnachten bekommt. Die Eltern kaufen heutzutage nur oft genau das, was sich die Kinder wünschen.

Ich fand es immer megaspannend, mit dem Geld der “Westverwandtschaft”, was es nur zu besonderen Anlässen gab, in den Intershop zu fahren und Westspielzeug und Westsachen zu kaufen! Ich war immer recht bescheiden und kaufte mir von den paar DM nur eine Packung Faserstifte oder einen Matchbox! Für Vati gab es “gute Zahnpasta” und für Mutti mal ein gutes Parfum.

Also wenn ich damals die Möglichkeit gehabt hätte, mir Produkte aus dem Westen zu kaufen, wäre Zahnpasta vermutlich das letzte gewesen, an das ich gedacht hätte. Vielleicht soll es aber auch eine Metapher sein, nachdem es in Anführungszeichen steht. Ich kann mir ja noch denken, was ein “guter Rachenputzer” oder ein “gutes Mundwasser” sein soll, aber mir fällt beim besten Willen nicht ein, wofür “gute Zahnpasta” steht.

Der Renner aber war für mich damals ein echter “Geha-Füller”, der mir allerdings von einem besonders eifrigen sozialistischen Lehrer als “Feindgut” abgenommen wurde! Übrigens erinnere ich mich noch heute an den typischen Intershopgeruch – eine Mischung aus Waschmittel, Seife, Schokolade und Kaffee. Einfach unvergleichlich! Ich habe diesen Geruch nach der Wende nie mehr wahrgenommen.

Mit der Wende gab es keinen Bedarf mehr an Intershops und Bedarf an diesem vermutlich ekelhaften Geruch gab es noch nie.

In der Schule gab es einen Hort, wo man früh ab sechs Uhr, glaube ich, antreten konnte und nachmittags bis vier oder fünf Uhr bleiben durfte, wenn es die Arbeitszeit der Eltern so verlangte. Ich war meistens 2-3 Stunden nachmittags im Hort, um meine Hausaufgaben zu erledigen.

Für uns Kinder spannend und oft informativ, lehrreich und lustig waren die so genannten “Pioniernachmittage”.

Quasi alles außer Schwarzwälder Kirschtorte und Bild-Zeitung für 50 Cent.

Manchmal nervten sie zwar auch, wenn schon wieder Singen oder die Pflege des Pionierobjektes angesagt war, aber es gab auch viele echt lustige Sachen, die dort gemacht wurden. “Schulgarten”, “Werken” und “Heimatkunde” dürfte den Leuten aus den alten Bundesländern als Unterrichtsfach auch nicht mehr unbedingt was sagen – oder? “Schulgarten” gibt es, glaub ich, nicht mehr, “Werken” hieß später “Arbeitslehre” und “Heimatkunde” ist mir jetzt als “Gemeinschaftskunde” bekannt.

Ich weiß nicht ganz, was er mit dem letzten Satz aussagen will. Im Osten gab es das scheinbar ja nie und im Westen gibt es Schulgarten, Werken und Heimat- und Sackkunde (wie ich es kenne) immer noch, wenn auch unter ständig wechselnden Namen.

Zu bestimmten Anlässen gab es morgens “Fahnenappell”, was auch mit den Pionieren im Zusammenhang stand. Ich wurde in der 1.Klasse “Jungpionier” mit weißem Pionierhemd und blauem Halstuch”. Ab der 4.Klasse wurde ich dann Thälmannpionier mit rotem Halstuch und ab der 9.Klasse “FDJ-ler” (Freie Deutsche Jugend” mit blauem FDJ-Hemd. Das war für uns Kinder bzw. Jugendlich völlig normal und nichts Besonderes.
Leider musste ich in dieser Zeit auch noch samstags die Schule besuchen, allerdings ging der Unterricht immer nur bis mittags und ab einem gewissen Zeitpunkt gab es nur den nur noch alle 14 Tage.
Damals gab es auch noch 8(!) Wochen Sommerferien! Das war ein Genuss, kann ich Euch sagen. Was ich auch immer Klasse fand, war dass es am Jahresende zur Zeugnisausgabe für die besten Drei eine Art Leistungsurkunde gab, die gute und sehr gute Leistungen bescheinigte, sie nannte sich “Urkunde für gutes Lernen in der sozialistischen Schule” und  es gab sie für “Gutes Lernen und für vorbildliche gesellschaftliche und außerunterrichtliche Arbeit”! Hört sich doch gut an, oder? Zwar etwas streberhaft, aber wem gefallen Urkunde nicht, gell?

Solche Urkunden gefallen den Kindern nicht, die die Kinder wie z.B. den Autor damals wie heute verprügeln würden. Und den etwas ungünstigen Titel der Urkunde hätte ich lieber weggelassen, denn so hinterlässt das genau den gleichen Eindruck, wie manche Zeugnisse in Kuba.

Außerdem gab es immer so tolle AG’s (Arbeitsgemeinschaften) wie Chor, Geräteturnen, Zeichnen etc. (da war ich überall mal irgendwann drin) – mein Gott war ich ehrgeizig! Und Wandzeitungsredakteur war ich irgendwann auch mal! Mit 14 war man dann so weit, dass man in die Erwachsenenwelt aufgenommen wurde. Doch davon möchte ich in der nächsten Ausgabe berichten. Ich hoffe, ich habe Euch neugierig gemacht.
Fortsetzung folgt!
Ihr Andrè Mattheuer

Der Artikel lässt einen mit einem etwas verstörenden Bild über die DDR zurück, denn ingesamt hört er sich doch eher wie Kindheitserinnerungen aus der DDR an und mit 24 Jahren hätte man doch dann mal etwas genauer in das System der DDR blicken können. Damals wäre ihm aber wahrscheinlich eine weitere Urkunde für “Gutes Artikelschreiben und vorbildliche propagandistische Arbeit” verliehen worden. Heutzutage lässt er nur zwei Erkenntnisse zurück, nämlich dass der Autor eine Person war, die sich einwandfrei dem System fügte und dass man eine Redaktion aus Leuten zusammensetzen sollte, die ein bisschen was davon verstehen.

Your email address will not be published. Required fields are marked *